«Die Idee eines harmonischen Weihnachtsfests ist überladen» Hinzugefügt am 23. Dezember 2025 | by Markus Zöbeli | Uncategorized | (Textbeitrag / Interview im Tages-Anzeiger vom 21. Dezember 2025 / von Nadja Pastega) Oft kommt es ausgerechnet an den Feiertagen zu Streit. Henri Guttman, Familientherapeut, erklärt, wieso das so ist – und wie Sie Krach unter dem Weihnachtsbaum vermeiden. Seit 25 Jahren berät der Psychologe und zweifache Familienvater Henri Guttmann streitende Familien und entnervte Eltern. Nach Tausenden von Therapiestunden weiss er, was die Menschen bewegt und zuweilen ans Limit bringt – gerade auch an Weihnachten, dem Fest der überzogenen Erwartungen. Einer machte dabei mal ein Selbstexperiment und wollte einen Monat lang mit seinem Umfeld ehrlich sein. Nach zwei Wochen musste er das abbrechen – er hatte keine Freunde mehr. Herr Guttmann, es ist wieder so weit: In Werbespots werden harmonische Weihnachtsfeste zelebriert, mit Glitzerbaum, besinnlicher Musik, und alle haben sich fest lieb. Wie sieht die Realität aus? In Wirklichkeit ist Weihnachten emotional enorm aufgeladen. Da kommen Kindheitserinnerungen hoch an unbeschwerte Weihnachten und daran, wie man als Kind schon drei Monate im Voraus den Franz-Carl-Weber durchblätterte und schaute, welche Eisenbahnschiene man sich nun wünscht. Diese Erinnerungen an eine heile Welt wirken nach. Ein friedlicher Heiligabend – wo man annehmen dürfte, da kann sich ja jeder mal für ein paar Stunden zusammennehmen – scheitert also oft an überzogenen Erwartungen? Die Idee eines harmonischen Weihnachtsfests schwebt wie ein Damoklesschwert über vielen Familien – es ist völlig überladen. Das kann zu Spannungen und heftigen Ausbrüchen führen. Darf man als Mutter oder Vater die Einladung des eigenen Sohns für ein Weihnachtsessen bei dessen Schwiegereltern ausschlagen, weil man findet, die machen dort zu viele Geschenke? Ich finde, man sollte sich auch mal zurücknehmen können, gerade wenn es um eine Weihnachtseinladung des eigenen Sohnes geht. Wenn Leute sagen, «wir streiten nie!» – macht Sie das als Psychologe misstrauisch? Eine Ehe, oder noch mehr eine Familie mit Kindern, war noch nie eine konfliktfreie Zone, das wäre auch nicht wünschbar. Es kommt darauf an, ob es gelingt, konstruktiv damit umzugehen. Jedes Paar hat ungefähr fünf kleinere Konflikte pro Tag. Wenn nur jeder zweite davon heftig ausartet, bleibt dieses Paar auf Dauer nicht zusammen. Worüber wird denn unter dem Weihnachtsbaum am häufigsten gestritten? Wenn Familien zu Besuch kommen, erwarten sie zum Beispiel, dass das gleiche Menü auf den Tisch kommt wie im Vorjahr. Oder die Gastgeber haben keinen Baum aufgestellt. Aber der häufigste Grund sind Wertekonflikte. Diese können eine zerstörerische Dynamik entwickeln. Ich habe mit meinen Schwiegereltern jeweils abgemacht, dass wir nicht über den Papst, das Militär, Steiner-Schulen und Hausgeburten reden. Das war vermintes Gelände? Es hätte unweigerlich zum Streit geführt. Wenn man diese Themen ansprach, war eine Polarisierung schon im Raum. Und die Stimmung im Eimer. Ich habe da eine lebhafte Erinnerung an die 70er-Jahre. Damals habe ich in einer Wohngemeinschaft gewohnt. Erzählen Sie. Jedes Jahr haben wir die WG aus dem oberen Stockwerk zu uns eingeladen. Alle waren schon ein bisschen angesäuselt, wenn sie eintrudelten. Einer fragte mal seinen WG-Mitbewohner: «Du, wir hatten letztes Jahr an Weihnachten doch diesen Riesen-Streit. Worum ging es da?» Der andere erkläre, dass man sich über Vorkommnisse am 1. Mai gezofft habe. Worauf der andere forderte: «Was du damals vertreten hast, glaubst du hoffentlich heute nicht mehr!» Die Antwort: «Doch das glaube ich sehr wohl noch.» Und schon hatte die WG aus dem oberen Stock wieder Streit. Da kann man sich fragen, ob man eigentlich nur eine oberflächliche Konversation über das Wetter und das Kinoprogramm führen kann, damit es an Weihnachten keinen Streit gibt. Diese Befürchtung höre ich immer wieder. Was entgegnen Sie? Dass das vielleicht gar nicht mal so ein schlechter Vorschlag ist, anstatt Grundsatzentscheide an einem Tag zu fällen, an dem es eigentlich darum geht, dass man miteinander eine gute Zeit hat. Das mit den Grundsatzentscheiden kann man dann mal später anschauen. Der Philosophie-Professor und Jesuit Michael Brodt riet vor ein paar Jahren in einem Buch dazu, die Eltern zu enttäuschen, weil sie häufig erwarten würden, dass sich die Kinder auf eine bestimmte Weise verhalten. Eine Weise, die vielleicht in der Kindheit Sinn machte, aber längst nicht mehr passt. Ist Weihnachten ein guter Zeitpunkt, um sich zu sagen: Jetzt enttäusche ich meine Eltern mal? Ich würde sagen, der Preis ist zu hoch. Selbstverständlich kann man in einem hochemotionalen Moment sich gegenseitig enttäuschen, aber diese Wunden sind so tief, dass es nachher wahnsinnig viel braucht, um wieder eine Versöhnung herbeizuführen. Gut, aber man kann ja nicht immer die Erwartungen der Eltern erfüllen, damit der liebe Frieden gewahrt bleibt. Man kann das, was die Eltern erwarten, natürlich enttäuschen und zum Beispiel erklären: Ich wandere nach Nordkorea aus oder in den Aargau. Für manche Leute mag die Losung von harmonischen Weihnachten funktionieren. Aber es kann auch zu folgenden Szenen kommen: Die Ehefrau denkt, «hoffentlich macht meine Schwiegermutter nicht wieder eine fiese Bemerkung über meine Figur». Und der Ehemann sagt sich: «Wenn mein Vater wieder anfängt, über seine rückständigen politischen Ansichten zu diskutieren, raste ich aus.» Das sind Klassiker. Gibt es weitere? Eine Verwandte sitzt am Tisch und fragt die 19-jährige Tochter des Hauses, wann sie denn endlich mit dem Studium anfange. Dabei macht sie gerade ein Zwischenjahr und überlegt, ob sie überhaupt studieren will. Oder die Grossmutter setzt ihrem Enkel auseinander, dass sie sich wundere, warum er noch keine Freundin habe. Gibt es wirklich Leute, die solche Bemerkungen unter der Gürtellinie an Weihnachten austeilen? Ja. Das Beispiel mit der Grossmutter erzählte mir ein Klient. Wie ging es weiter? Der Enkel entschied, dass er an Weihnachten in diesem Kreis nicht mehr teilnimmt, weil da seine Privatsphäre verletzt werde. Wenn die Verletzung gross ist, kann es zu heftigen Ausbrüchen kommen. Zum Beispiel, wenn die Grosseltern anfangen, die Jugendlichen zu massregeln, weil sie ihre Ellbogen auf den Tisch legen. Eine Zurechtweisung, die wiederum die Eltern der Teenager auf die Palme bringt, weil sie finden: Unsere Kinder wissen sich zu benehmen und benötigen keine Erziehungstipps der Grosseltern. Gibt es ein Feiertagserlebnis, über das Ihnen die Leute in Ihrer Praxis berichtet haben, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? Ein Klient erzählte mir, dass er auf einem Bauernhof aufgewachsen sei. Am Weihnachtstag verstummte sein Vater jeweils nachmittags um vier, abends war er besoffen und weigerte sich, die Geschenke seiner Kinder auszupacken. Das ist doch schlimm! Der Weihnachtstag ist ja auch gerade für getrennte Familien nicht einfach zu organisieren, ohne dass sich am Schluss jemand zurückgesetzt fühlt und beleidigt ist. Weihnachten in Patchworkfamilien ist tatsächlich ein grosses Thema. Es geht um die Frage: Sollen diese Familien zusammen Weihnachten feiern oder lässt man es besser bleiben? Was raten Sie? Ich sage immer, wenn es den Leuten auf der Elternebene gelingt, eine einigermassen entspannte Atmosphäre zu schaffen, finde ich es gut, wenn sie zusammen feiern. Wenn man aber damit rechnen muss, dass man etwas sagt, und der andere macht dann eine halbe Stunde einen Lätsch, dann ist es gescheiter, wenn man die Weihnachtsfeier aufteilt, einen Teil mit den Kindern beim Vater und dann einen Teil bei der Mutter. Da sollte man ehrlich sein mit sich selber und sich nicht überfordern, weil man denkt: Wir sind seit September getrennt, jetzt müssen wir an Weihnachten zusammenbleiben. Wenn es nicht geht, geht es nicht. Was kann man tun, damit getrennte Familien einigermassen entspannt Weihnachten feiern können? Ich gebe ein Beispiel: Ein Mann kam nach der Scheidung zu mir in die Praxis. Nach der Trennung hatte er eine neue Familie gegründet, wir nennen das Kernfamilie 2. Mit der neuen Partnerin hatte er zwei kleine Kinder, mit seiner früheren Frau aus Kernfamilie 1 zwei mittelgrosse Kinder. Beide Frauen wollten ihn an Weihnachten bei der Familie haben. Wie hat er das Dilemma gelöst? Zuerst dachte er, ich gehe am 24. Dezember zu der einen Familie, am 25. Dezember zur andern. Niemand war damit einverstanden. Ich habe dann vorgeschlagen, dass er in der Kernfamilie 1 am 24. Dezember von 11 bis 14 Uhr zu einem Brunch kommt und seinen Kindern die Gschenkli bringt und anschliessend in seiner neuen Familie, Kernfamilie 2, den Weihnachtsabend verbringt. Das haben alle akzeptiert. Warum denn das? Weil sich die Kernfamilie 1 sagte, wir haben ihn zuerst. Und sich die Frau aus Kernfamilie 2 sagte, die richtigen Weihnachten sind am 24. Dezember am Abend, und dann ist er bei uns. So waren alle zufrieden. Sie haben das dann für einige Jahre so durchgezogen. Für Zündstoff ist zuweilen auch in nicht getrennten Familien gesorgt. Nämlich dann, wenn man sich einigen muss, wo man Heiligabend verbringt – bei ihren oder seinen Eltern. Da gibt es eine klare Hierarchie: Derjenige, der den 24. hat, ist quasi der King, und die anderen laufen unter fernen liefen. Warum geben die Männer oft nach, wenn ihre Frauen den Heiligabend partout mit den eigenen Eltern verbringen wollen? Ist es ihnen ein Stück weit egal? Das mag für einige zutreffen. Aber vor allem spiegelt eine solche Konstellation die Hierarchie in dieser Ehe. Sie hat die Hosen an. Es könnte durchaus auch umgekehrt sein, wo man traditionell mehr in der Familie des Mannes feiert. Ich hatte mal den Fall, dass eine Ehefrau von ihren Schwiegereltern beleidigt wurde, jetzt geht sie an Weihnachten nicht mehr hin und er ist nur mit seinen Töchtern bei seinen Eltern. Er geht am 24. Dezember zu Mama und feiert nicht mit seiner Frau? Ja, das spiegelt die Dominanz dieser Herkunftsfamilie von ihm. Eine gute Kollegin hat einen Mann geheiratet, mit dem sie etwa 10 Jahre lang an Weihnachten immer zur Schwiegermutter ging. Lust hatte eigentlich keiner so recht, aber alle sagten sich: «Wir müssen mit ihr feiern, sie lebt nicht mehr lange, das sind sicher ihre letzten Weihnachten.» Und dann kam es prompt immer anders? Ja, jahrelang haben sie «die letzten Weihnachten der Schwiegermutter» gefeiert. Inzwischen gibt es schon Workshops, wie man an Weihnachten auf nervige Äusserungen der lieben Verwandten reagieren soll. Ist es wirklich seriös, was da vermittelt wird, oder handelt es sich um reine Geldmacherei? Es geht in diesen Workshops generell darum, schlagfertige Antworten parat zu haben, damit einem Verletzungen nicht so tief gehen. Das sind Tools, die man immer brauchen kann. Zum Beispiel auch beim Qualifikationsgespräch mit dem Chef, wenn er sagt, «bei deinen beruflichen Qualitäten gibt es noch Luft nach oben». Was wäre eine schlagfertige Antwort? «Sie sind eben mein grosses Vorbild.» Wie lange es geht, bis man nach einer solchen Bemerkung rausgeschmissen wird, lassen wir mal dahingestellt. Wir haben auch schon Schlagfertigkeitstrainings durchgeführt, zum Beispiel mit übergewichtigen Kindern, die sich ja oft Beschimpfungen anhören müssen. In diesem Workshop lernten sie, auf blöde Sprüche wie «du fette Sau» zu antworten. Auch da kann man entgegnen: «Du bist da mein grosses Vorbild.» Dieser Satz enthält eine mentale Verwirrung. Der andere weiss im ersten Moment nicht: Ist das jetzt ein Kompliment oder eine Beleidigung, worum geht es hier eigentlich? Es gibt Leute, die vor Weihnachten und dem zum Teil mühsamen Familienschlauch ins Ausland flüchten. Wie ist das bei Ihnen? Ich war mal in Venedig. In einer Gondel sass Max Frisch. Ich ging auf ihn zu und sagte: «Entschuldigung, sind Sie nicht Max Frisch?» Er hatte seine Pfeife im Mund und sagte, «ja ich bin Max Frisch. Wer ist Ihre nette Begleiterin?» Frisch, der ewige Frauenheld. Ich hatte tatsächlich eine hübsche Partnerin. Er hat sie sehr freundlich begrüsst. Dann sagte er: «Sind Sie auch den Weihnachtskerzli entflohen?» Es gibt auch Leute, die keine Nerven haben für Weihnachten und nach Dubai fliehen. Konflikte gehören zu Beziehungen. Doch nicht jede Art, sie auszutragen, ist konstruktiv. Wie streitet man denn richtig? Man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass man einen Disput nicht mit Macht lösen kann. Also der Satz «solange du deine Füsse unter meinem Tisch hast, bestimme ich, was läuft», führt nirgendwohin. Wir wissen aus der Kommunikationsforschung, dass es nicht so wichtig ist, was man sagt, sondern wie das beim Gegenüber ankommt. Wenn ich etwas kritisieren möchte, empfiehlt sich die 4-zu-1-Regel des amerikanischen Therapeuten John Gottman: Bevor du etwas kritisierst, musst du vorher vier positive Botschaften senden. So redet doch kein Mensch! Es funktioniert aber ganz gut. Gut meinende Ratgeber empfehlen, dass man nicht mit «du, du, du» kommen soll, sondern sachliche Ich-Botschaften formuliert – was dann mitunter reichlich gestelzt und wenig authentisch daherkommt. Ein Beispiel: «Ich habe den Eindruck, dass du deinen Pflichten im Haushalt nicht nachkommst.» Das ist tatsächlich nicht zu empfehlen, da merkt ja jeder, dass das ein Vorwurf ist. So doof sind die Leute auch nicht. Hier ist die sogenannte VW-Regel gut. Die was? VW-Regel, Vorwürfe in Wünsche verwandeln. Dass man ausdrückt, was man sich vom anderen wünscht. Ist das nicht schlicht eine naive Idee von Therapeuten, die in der Realität selten funktioniert? Ich bestreite nicht, dass es Leute gibt, die sich über Wünsche hinwegsetzen – im Vollgefühl einer eingebildeten Überlegenheit. Mit solchen Menschen sollte man den Kontakt meiden. Aber wenn man Vorwürfe in Wünsche verwandelt, kommt das ganz anderes rüber. Es gab eine Zeit, wo man sagte, der Ärger muss ungefiltert rausposaunt werden, das müsse alles raus. Einer machte mal ein Selbstexperiment und wollte einen Monat lang mit seinem Umfeld ehrlich sein. Nach zwei Wochen musste er das abbrechen – er hatte keine Freunde mehr. In diesem Sinne wünscht Ihnen das ganze VGBZ-Team ein paar schöne und vor allem friedliche Feiertage mit den Allerliebsten und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2026!