Etwa ein Viertel der Mieten sind über dem Limit Hinzugefügt am 16. September 2025 | by Markus Zöbeli | Uncategorized | (Textbeitrag Tages-Anzeiger vom 15. September 2025 / von Menoa Stauffer) Sozialhilfe in Winterthur. Der teurere Wohnraum belastet die Sozialhilfe. Sie erhöhte die Limiten der Mietzinse – und hält diese trotzdem nicht immer ein. In Kürze: Die Winterthurer Sozialhilfe verzeichnete 2024 stabile Ausgaben von 91,9 Millionen Franken. Der angespannte Wohnungsmarkt führt zu höheren Mietzuschüssen für Sozialhilfebeziehende. Die Limite für die Mietzinsen wurde erhöht – und wird regelmässig überschritten. Die Sozialhilfe gilt als das letzte Auffangnetz im Sozialsystem. Wenn eine alleinerziehende Mutter in Winterthur beispielsweise nicht mehr über die Runden kommt, unterstützt die städtische Sozialhilfe sie finanziell. Einmal im Jahr weisen die Sozialen Dienste die Zahlen dieser «sozialen Sicherung» aus. An der Medienkonferenz am Montag zeigten sich der zuständige Stadtrat Nicolas Galladé (SP) und die Leiterin der Sozialhilfe Angela Baumann zufrieden. Die Rede war von einer «guten Entwicklung» und «erfreulichen Zahlen». Die Bilanz: Die Sozialleistungen sind im Jahr 2024 relativ konstant geblieben. Insgesamt wurden 91,9 Millionen Franken ausgegeben, im Vorjahr waren es 0,2 Millionen weniger. Die Sozialhilfekosten allein liegen nun, ähnlich wie in den letzten zwei Jahren, bei rund 45 Millionen Franken. Dabei wurden 6688 Personen mindestens einmal finanziell unterstützt. Das ist laut Berechnungen des Bundesamts für Statistik eine Quote von 5,2 Prozent. Weniger Sozialhilfe, mehr IV-Gelder Stadtrat Galladé betonte, wie wichtig die enge Fallbegleitung sei und vermeldete einen neuen Erfolg. Dank der engen Begleitung – und einer professionalisierten internen Sozialversicherungs-Fachstelle – konnten dieses Jahr rund 2,5 Millionen Franken mehr externe Gelder beantragt werden. Klienten erhielten also vermehrt etwa IV-Renten statt Sozialhilfe, was die städtische Kasse entlastete. Baumann erklärt dies an einem Beispiel so: Trotz psychischer Krankheit meldete sich eine Sozialhilfebezügerin nicht für die IV-Rente an – aus Angst davor, in die Klinik zu gehen und aus ihrem Umfeld gerissen zu werden. Die städtische Sozialarbeiterin erreichte schliesslich, dass die IV-Stelle ihr stattdessen eine ambulante Therapie finanzierte. So konnte die Frau aus der Sozialhilfe entlassen werden. Anträge auf Sozialversicherungen sind laut Baumann kompliziert, und könnten bis zu fünf Jahren dauern. Hinzu komme, dass erst die Klienten überzeugt werden müssten. Die IV-Rente sei noch immer schambehaftet. Und: «Immer wieder fehlt den Klienten die Einsicht, dass sie krank sind.» Dabei seien gesundheitliche Probleme, insbesondere psychische Probleme, zunehmend die Hauptursache für den Sozialhilfebezug. Früher sei das noch öfter der fehlende Job gewesen. Ausgaben für die Mieten steigen Statt der Arbeitslosigkeit macht der Sozialhilfe nun zunehmend der Wohnungsmarkt zu schaffen. Der Wohnraum ist knapp – in Winterthur sind gerade mal rund 100 Wohnungen frei. Zudem sind die Mieten und die Nebenkosten gestiegen. Um das aufzufangen, erhöhte die Sozialhilfe im Sommer 2024 die Limiten der Mietzinse. Zudem stellte sie auf Nettomieten um, die den gestiegenen Nebenkosten Rechnung tragen. Die Ausgaben im Bereich Wohnen sind 2024 deshalb leicht gestiegen. Eine Entwicklung, die sich laut Baumann noch verschärfen dürfte. Keine günstigere Wohnung – damit die Kinder bleiben Die Anpassungen auf die Mietpreise seien nötig. Denn für Sozialhilfebeziehende sei es schwierig, eine neue, günstigere Wohnung zu finden. Oder aber nicht verhältnismässig, wie ein anderes Fallbeispiel zeige. Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern wohnt in einer Drei-Zimmer-Wohnung, für die neu 1530 Franken pro Monat verlangt wird. Das liegt zwar nur 20 Franken über der Richtlinie, doch die Sozialhilfe übernimmt, nach einer Prüfung, den höheren Mietzins trotzdem. Die Chance, eine günstigere Wohnung im Quartier zu finden, schätzt sie als zu gering ein. Und das Quartier zu verlassen, könne den Kindern, die hier zu Schule gehen und ihr soziales Umfeld haben, nicht zugemutet werden. «Gerade Kinder brauchen stabile Verhältnisse, damit sie später aus der Armutsspirale ausbrechen können», sagt Baumann. Sie machen in der Statistik fast zehn Prozent aller Sozialhilfebezüger aus, im Normalfall indirekt über ihre Eltern. Immer wieder Ausnahmen bei den Limiten Wegen solcher Fälle, sowie der oft langen Übergangszeit, bis Suchende eine günstigere Wohnung gefunden haben, gibt es regelmässig Überschreitungen der Limite. Auf Nachfrage sagt Stadtrat Nicolas Galladé, dass etwa ein Viertel aller Mietzinse über der gesetzten Grenze liegen. Diesen Teil wolle man zwar auf zehn Prozent reduzieren. Etwa, indem die Klienten und Betreuungspersonen über ungerechtfertigte Mieterhöhungen aufgeklärt werden oder der Mieterverband eingeschaltet wird, um die Mieten zu prüfen. Aufgrund der aktuellen Dynamik auf dem Wohnungsmarkt sei dies aber schwierig. Weitere Massnahmen würden bis Ende Jahr geprüft.