Ich selfie, also bin ich? Hinzugefügt am 14. August 2025 | by Markus Zöbeli | Uncategorized | (Das VGBZ-Websiteteam erlaubt sich diese Ferienglosse zu hinterlegen, mit Dank dem Tages-Anzeiger und dem Kommentator Patrick Illinger für die heutige Publikation) Millionen Touristen machen das immer gleiche Foto vor den immer gleichen Sehenswürdigkeiten, um es auf Social Media zu posten. Warum tun sie das? Das ist doch eigentlich der Sinn des Reisens: neue Orte zu entdecken, die Welt wahrzunehmen – und in ihr besonders die schönen Dinge, den Traumstrand, die Kathedrale, die Meeresfrüchte in der Markthalle. Hinsehen und Eindrücke sammeln. Mit den eigenen Augen. Offenen Augen. Und dabei zu staunen oder gar Ehrfurcht zu empfinden. Nun hat das digitale Zeitalter einen neuen Phänotyp von Reisenden hervorgebracht. Statt Ehrfurcht und Eindrücken suchen sie Likes und Follower. Und statt mit den Augen würdigen sie Orte mit ihrem Rücken. Diesen wenden sie dem Traumstrand oder der Kathedrale zu − um ein Selfie aufzunehmen. Ein Video oder ein Bild von sich selbst, vor grandiosem Hintergrund. Das ist die Welt für viele Reisende geworden: eine Kulisse. Die Erinnerung an die Ferien in der Cloud statt im eigenen Kopf Orte werden nicht mehr bestaunt. Sie werden benutzt, um sich selbst in Szene zu setzen. Und die Erinnerung speichert man nicht mehr im Kopf, sondern in der Cloud. Selbstverständlich steht es jedem frei, die Welt auf seine Weise zu bereisen und abzulichten. Doch der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass viele, oft erkennbar am hochgereckten Selfie-Stick, sich mehr dafür interessieren, wie instagramable ein Ort ist, als für den Ort an sich. Das treibt irre Blüten. Auf einer U-Bahn-Rolltreppe bei der Sagrada Família, der von Antoni Gaudí entworfenen Kathedrale in Barcelona, die nach mehr als 140 Jahren bald fertiggestellt sein soll, kann man ein Video drehen, bei dem die Kathedrale hinter einem selbst in die Höhe zu wachsen scheint. Die Rolltreppe muss mittlerweile von Wachleuten beaufsichtigt werden, zu viele Besucher sind dort beim Selfiemachen über die Stufen gepurzelt. Und das vielleicht grösste Rätsel ist: Was ist der Wert von Bildern, die Hunderttausende andere zuvor gemacht haben? Von Bildern zumal, auf denen, bei allem Respekt, Gaudís Architektur mit der eigenen Visage garniert wird? Likst du mich, like ich dich Sich selbst vor den Wundern dieser Erde abzulichten − ist das womöglich eine Form der Selbstvergewisserung in einer verwirrend gewordenen Welt? Ich selfie, also bin ich? Für manche zumindest sind die Bilder bares Geld. #travel-Influencer können Millionäre werden. Und jene, die kein Geld sehen, empfinden eine Handvoll Likes als soziale Anerkennung. Likst du mich, like ich dich. Für den sozialen Kitt des digitalen Zeitalters lässt man die frisch grillierten Gambas auf dem Teller kalt werden, um sie noch schnell in Szene zu setzen. Dafür reiht man sich in Menschenschlangen, wie sie sich täglich an der Cala des Moro bilden, der als «Instagram-Strand» berühmt gewordenen Bucht auf Mallorca. Am Traumstrand versucht man dann, so wie Hunderttausende Touristen zuvor, das smaragdgrüne Wasser abzulichten und möglichst den Müll aussen vor zu lassen, den täglich Tausende Besucher in der kleinen Bucht hinterlassen. Die Instagramisierung der Welt schafft es, bereits überlaufene Orte in wahre Höllen zu verwandeln. Offenbar erzeugen die sozialen Netze einen riesigen Gruppendruck. Als würden sie den Menschen sagen: Was, du warst noch nicht dort? Was ist denn mit dir los? Für viele lautet die Antwort dann: Hinfahren! Und ein Selfie machen.