IT-Chaos bei Arbeitslosenkassen Hinzugefügt am 17. April 2026 | by Markus Zöbeli | Uncategorized | (Textbeitrag NZZ vom 17. April 2026 / von Jürg Meier) Das IT-System des Bundes soll die Auszahlung von Arbeitslosengeld effizienter machen. Doch nun klagen die Kassen über Zehntausende Überstunden und massive Personalaufstockungen. Damit Jobsuchende ihr Geld bekommen, braucht es 200 Mitarbeiter mehr. Der Bund weist die Vorwürfe zurück. Seit das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) eine neue Software eingeführt hat, häufen sich bei den Arbeitslosenkassen die Probleme. Leidtragende waren zunächst vor allem die Arbeitslosen: Berechtigte mussten teilweise monatelang auf ihr Geld warten. An einer Medienkonferenz hat das Seco kürzlich Fehler eingeräumt und sich insbesondere für die misslungene Kommunikation entschuldigt. Gleichzeitig versprach Jérôme Cosandey, der Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco, eine zügige Besserung der Lage. Die Schweizer Arbeitslosenkassen teilen den Optimismus des Bundesamtes allerdings nur bedingt. «Zwar verbessert sich die Situation langsam, und das Schlimmste liegt wohl hinter uns», sagt Jean-Claude Frésard, der Direktor der Kantonalen Arbeitslosenkasse Wallis und Präsident des Verbands der öffentlichen Arbeitslosenkassen der Schweiz. Aber Entwarnung geben will er deswegen nicht. 22 ooo Überstunden Neue Zahlen belegen nun, dass die Krise noch längst nicht ausgestanden ist. Jean-Claude Frésard hat unter seinen Verbandsmitgliedern eine Umfrage zum neu eingeführten System durchgeführt. Das Resultat: Seit Dezember fielen bei diesen Kassen insgesamt 22 000 Überstunden an. Zum Vergleich: Das entspricht der Arbeitsleistung von rund elf Vollzeitangestellten, die ein ganzes Jahr lang arbeiten. Zudem stellen die Kassen gemäss der Umfrage derzeit rund 200 neue Mitarbeitende ein, um die schwerfälligen Prozesse des neuen IT-Systems abzufedern. Insgesamt gibt es in der Schweiz 32 Arbeitslosenkassen. Rund ein halbes Dutzend davon wird privat geführt, etwa von der Gewerkschaft Unia. Sie sind in Frésards Erhebung nicht eingerechnet. Gegenüber der NZZ stellt Frésard jedoch klar: Auch bei den privaten Kassen sei die Situation nicht besser, da auch sie gezwungen gewesen seien, zusätzliche personelle Ressourcen einzustellen, um den durch das neue System verursachten Aufwand bewältigen zu können. Das Seco räumt auf Anfrage zwar ein, dass die Einführung der neuen Software mit Überstunden und punktuellen Personalaufstockungen einhergehe. Die rund 200 zusätzlichen Mitarbeitenden müssten jedoch «im Kontext betrachtet werden», betont eine Sprecherin. Ein Grund für die Neuanstellungen seien die steigenden Arbeitslosenzahlen. Zudem lägen die neuen Stellen «zumindest teilweise» im Rahmen der üblichen personellen Fluktuationen bei den Arbeitslosenkassen. Schwerfällige Prozesse Längerfristig ist das Bundesamt zuversichtlich: Dank der umfassenden Digitalisierung und den automatisierten Prüfungen werde das System die Effizienz langfristig steigern und die Kassen «administrativ entlasten», sagt die Sprecherin. Im Moment ist gemäss dem Verbandspräsidenten Frésard aber wenig von dieser Entlastung zu spüren. Wöchentlich kämpfe man mit Pannen, sagt er. Etwa beim «Job-Room» genannten E-Service-Portal des Bundes. Dokumente, welche arbeitslos gewordene Personen dort kürzlich hochgeladen hätten, um ihre Ansprüche zu belegen, seien bei seiner Kasse im Wallis nicht angekommen, sagt Frésard. Das Hauptproblem sind laut Frésard jedoch die schwerfälligen Prozesse. Eine Auszahlung, die früher zwei bis drei Minuten benötigte, dauere heute 15 bis 20 Minuten. Auch das blosse Öffnen von Dokumenten gehe oft quälend lange, was zu mühsamen Wartezeiten an den Schaltern führe. Das Seco entgegnet, die Übermittlung von Dokumenten beim Job-Room funktioniere inzwischen zuverlässig. Zwar räumt die Bundesbehörde ein, dass es in Einzelfällen zu Unregelmässigkeiten kommen könne. Diese würden aber rasch behoben. Seco erwartet baldige Normalisierung Für die längeren Bearbeitungszeiten gibt es laut dem Seco zudem eine Erklärung. Im Unterschied zum alten System seien heute zahlreiche Kontroll- und Freigabeschritte fest in die Software eingebaut. Diese mussten früher von den Mitarbeitenden separat erledigt werden. Das führe zwar kurzfristig zu einem höheren Aufwand, reduziere jedoch mittel- und langfristig Fehler und Nachbearbeitungen, wie die Seco-Sprecherin sagt. Die vollständige Normalisierung der Abläufe erwartet das Seco im Verlauf der kommenden Monate. Fragt man den Verbandspräsidenten Frésard, klingt das weniger optimistisch. Wann es zu einer Normalisierung kommen wird, sei für die Arbeitslosenkassen «die Millionenfrage», sagt er. «Ich kann sie Ihnen ehrlich gesagt nicht beantworten.» Laut Frésard braucht es grundlegende Änderungen am neuen System, damit die Kassen wieder effizient arbeiten können – darunter IT-Prozesse, die viel schneller ablaufen und weniger Zwischenschritte erfordern. «Derzeit benötigt das System für jeden Vorgang viel zu viele Klicks und langwierige Freigaben», sagt er. Für ihn ist klar: Wenn es nun nicht rasch zu spürbaren technischen Verbesserungen komme, müssten die Kassen «ihre ausserordentlichen Massnahmen weiterhin aufrechterhalten». Frésards eigene Kasse im Wallis hat nicht nur fünf Personen angestellt, um ihre ausgebildeten Spezialisten von einfachen administrativen Aufgaben zu befreien. Wegen der Arbeitsüberlastung hat sie zudem die Bedienung der Telefone und die Schalteröffnungszeiten eingeschränkt. Weil sich dadurch auf der Amtsstelle jedoch längere Schlangen bilden, setzt die Walliser Kasse im Wartebereich nun zusätzliches Sicherheitspersonal ein. Die neue Software des Bundes für die Auszahlung von Arbeitslosengeldern scheint momentan also vor allem eine Wirkung zu haben: neue Stellen zu schaffen.