Schulden erreichen Rekordhöhe Hinzugefügt am 27. Mai 2024 | by Markus Zöbeli | Uncategorized | (Textbeitrag Tages-Anzeiger vom 27. Mai 2024 / von Dominik Balmer und Patrick Meier) Noch nie hatten Verschuldete in der Schweiz so hohe Ausstände bei den Krankenversicherungen: 44 Millionen Franken allein im Jahr 2023. Erstmals liegen auch kantonale Zahlen vor. Die steigenden Prämien belasten die Schweizerinnen und Schweizer immer stärker. Neue Zahlen der Schuldenberatung Schweiz für das Jahr 2023 zeigen, dass der Anteil der Krankenkassenschulden an den Gesamtschulden in den letzten acht Jahren von 8 auf 15 Prozent gestiegen ist. 2023 betrug die durchschnittliche Krankenkassenverschuldung mehr als 13’000 Franken. Die Zahlen der Schuldenberatung beinhalten die Daten all jener Personen, die bei der gemeinnützigen Organisation Hilfe suchen, weil sie ihre Schulden in absehbarer Zeit nicht zahlen können – eingeschlossen sind alle Arten von Zahlungsrückständen. Betreut werden jedes Jahr 5000 bis 6000 Personen. Rund die Hälfte von ihnen hat ein Einkommen von weniger als 4000 Franken pro Monat und ist jünger als 40 Jahre. Überproportional vertreten sind Alleinerziehende. Viele der Ratsuchenden dürften einen Anspruch auf eine Prämienverbilligung haben. Für die Schweizer Gesamtbevölkerung sind die Zahlen nicht repräsentativ, in ihrem Detaillierungsgrad aber sind sie einzigartig. Sie zeigen, wie Verschuldete mit den Kosten der Krankenkassenprämien kämpfen, die im kommenden Jahr erneut steigen werden. Warum sind Krankenkassenschulden so häufig? Gemäss den Daten der Schuldenberatung haben vergleichsweise viele Personen Schulden bei den Krankenkassen – 2023 waren es fast zwei Drittel der Ratsuchenden. Das ist von allen Schuldenarten der zweithöchste Wert nach den Steuerschulden. Das Schuldenvolumen bei den Krankenkassen beträgt für das Jahr 2023 insgesamt 44 Millionen Franken. Hinzu kommen nochmals mehr als 5 Millionen Schulden aus Gesundheitskosten. Dazu zählen Franchise, Selbstbehalt sowie Zahnarztrechnungen. Warum Schulden bei den Krankenkassen derart verbreitet sind, hat laut Pascal Pfister, dem Geschäftsleiter der Schuldenberatung, schlicht mit dem «grossen Betrag» zu tun. Weniger hohe Rechnungen könnten noch bezahlt werden, für die Krankenkasse reiche es dann aber oft nicht mehr. Und anders als bei der Miete habe eine ausbleibende Zahlung kaum direkte Folgen. Wer die Miete nicht zahlt, verliert irgendwann das Dach über dem Kopf. In Basel-Stadt sind die Schulden hoch, im Kanton Uri tief Erstmals liegen die Zahlen zur Verschuldung für das Jahr 2023 aufgeschlüsselt nach Kantonen vor. In Basel-Stadt sind die mittleren Krankenkassenschulden mit über 17’000 Franken am höchsten. Das ist wenig erstaunlich, hat der Stadtkanton doch schweizweit die höchsten Prämien in der obligatorischen Grundversicherung. Am geringsten sind die Schulden mit rund 3500 Franken im Kanton Uri, wo entsprechend auch die Prämien sehr tief sind. In der Tendenz gilt denn auch: Je höher die Prämienlast in einem Kanton, desto höher sind auch die Krankenkassenschulden. Auffällig sind die Zahlen für Graubünden und Waadt. Beide Kantone kennen eine Art Deckelung der Prämien. So ähnlich, wie es auch die 10-Prozent-Initiative der SP vorsieht, über die das Volk am 9. Juni abstimmt. Trotzdem sind die Krankenkassenschulden mit je rund 14’000 Franken höher als im Schweizer Schnitt. Bei der Interpretation dieser kantonalen Zahlen ist allerdings Vorsicht geboten: Die Zahlen sind klein, Einzelfälle von Schuldnern können die Statistik also stark beeinflussen. Eine Rolle spielt sodann die Prämienverbilligung. Diese ist je nach Kanton unterschiedlich aufgebaut – zum Teil wird sie automatisch ausgerichtet, zum Teil muss sie beantragt werden. Doch selbst mit einer Prämienverbilligung bleibt der Zusammenhang bestehen: Wo die Prämien höher sind, ist auch die Krankenkassenschuldenlast grösser. Die Prämienverbilligung vermag diesen Zusammenhang nicht aufzuheben. Schwarze Listen zeigen keinen Effekt Für Schuldenexperte Pfister zeigen die kantonalen Zahlen zudem, dass «die schwarzen Listen keinen Einfluss auf die Zahlungsmoral haben». Vier Kantone führen heute noch solche Listen: Luzern, Thurgau, Aargau und Tessin. Auf einer solchen landet, wer seine Prämien nicht mehr zahlen kann – mit der Konsequenz, dass nur noch Notfallbehandlungen von der Krankenversicherung übernommen werden. Doch das Beispiel Tessin zeigt exemplarisch: Mit über 16’000 Franken Krankenkassenschulden steht der Kanton nach Basel-Stadt an zweiter Stelle – trotz schwarzer Liste. Der Grund dürfte schlicht die hohe Prämienlast in der Grundversicherung sein: Es ist die dritthöchste aller Kantone.